Wichtige pädagogische Prinzipien

Ehrfurcht vor der geistigen Herkunft des Kindes

Wie in den Theorien uüber Reinkarnation und Karma beschrieben, befindet sich die Seele vor der nächsten ausgewählten Inkarnation in einer geistigen Welt. Nach Steiner wird nun ein neugeborener Mensch nicht als ein biologisches Mängelwesen, wie die moderne Naturwissenschaft ihn sieht, betrachtet. Vor allem die Lehrer sollen auf die Natur oder auf das Wesen des Kindes achten, und ihn nicht nach eigenen Vorstellungen formen. Es wird auch so von Steiner beschrieben, dass die Seele und der Geist (auch Geistseele) in einen neuen Körper geboren werden, und es die Aufgabe des Erziehers ist, dass Zusammenspiel der Glieder zu unterstützen und zu fördern.

Erziehung aus dem Mitgebrachten

Es gibt verschiedene Ansichten von der Bedeutung der Erbanlagen und dem sozialen Umfeld bei der Entwicklung eines Kindes. Manche sind der Meinung, dass allein die Gene einen Menschen und sein Verhalten bestimmen. Andere glauben, dass das soziale Umfeld und die Erziehung ein Kind erst zu dem machen, was es später einmal sein wird.Nach Rudolf Steiner spielt beides eine Rolle, und das Mitgebrachte aus der geistigen Welt vermittelt zwischen beiden. Demzufolge gibt es bei der Waldorfpädagogik keine festgelegten pädagogischen Maßnahmen oder Richtlinien, wie ein Kind zu erziehen ist. Jedes Kind soll individuell nach den mitgebrachten Fähigkeiten geschult werden.

Die Temperamente

Die Lehre von den Temperamenten hat eine große Bedeutung in der Waldorfpädagogik. Sie geht bis in die Antike zurück, denn schon der griechische Arzt Hippokrates und der Philosoph und Naturforscher Theophrastos teilten die Temperamenten nach den Mischungsverhältnissen der vier Elemente (Feuer, Wasser, Luft, Erde) ein. Die moderne psychologische Forschung lehnt diese Lehre der Temperamente ab, da sie sie nicht überprüfen kann. Mit dem Temperament meint Rudolf Seiner nicht nur eine Stimmung oder eine Befindlichkeit einer Person. Er erklärt es aus dem Verhältnis der zueinanderstehenden Wesensglieder (physischer Leib, Astralleib, ätherleib, Ich-Leib).

Der Melancholiker

, den er als empfindlich, egozentrisch, aber auch tiefsinnig, innerlich stark und einer Neigung zum Grübeln beschreibt, ist bei einer Person erkennbar, wenn der Ich-Leib vorherrscht.

Beim Choleriker

, der die Gefahr liebt, innerlich erregbar und jähzornig ist, ist der Astralleib bestimmend. Eine Person, die das Leben sehr leicht nimmt, innerlich wenig Stärke besitzt, leicht abzulenken und oberflächlich ist, wird als Sanguiniker bezeichnet.

Beim Sanguiniker

ist der ätherleib vorherrschend.

Der Phlegmatiker

besitzt innerlich wenig Stärke, wird als ruhig bis faul beschrieben und neigt zur Unbeweglichkeit. Bei ihm ist der physische Leib der dominierende. Sehr selten treten die Temperamente so rein auf, wie sie hier beschrieben sind. Es kommt viel häufiger vor, dass eine Mischung aus den Temperamenten vorhanden ist. Wenn es darum geht Temperamente zu therapieren, wird Gleiches mit Gleichem behandelt. Ein einfaches Beispiel aus der Waldorfpädagogik ist die Sitzordnung in einem Klassenraum. Ohne dass den Schüler die Beweggründe erklärt werden, setzt die Lehrerin gleiche Temperamente in Gruppen im Klassenraum zusammen. Die Melancholiker in eine Gruppe, die Choleriker sitzen zusammen, und mit den Sanguinikern und den Phlegmatikern wird es genauso gehandhabt. Durch die ständige Konfrontation schleift sich die Einseitigkeit ihres Temperamentes ab. Zum Beispiel langweilen sich die Phlegmatiker gegenseitig und beginnen sich darüber aufzuregen. Die Temperamentenlehre zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Waldorfpädagogik, und ist immer wieder anzutreffen.

Die Jahrsiebte

Rudolf Steiner verwendet die Einteilung des Lebens in Zyklen von jeweils 7 Jahren. Das erste Jahrsiebt beginnt mit der Geburt des physisches Leibes. Der Trieb der Nachahmung ist im Vorschulalter der vordergründigste. Das Kind hört weniger auf Worte, sondern ist aufnahmefähig für Gebärden und Gesten. Es ist nicht von dem was sie tun beeindruckt, sondern wie sie es tun. Wenn dieses Bedürfnis des Kindes in diesen Jahren nicht aufreichend befriedigt wird, bleiben Folgen für das weitere Leben. Das Kind wird später immer ein Nachahmer sein, der unbefriedigt ist und den allerprimitivsten Vorbildern hinterher rennt. Mit ungefähr 7 Jahren, beim Zahnwechsel, beginnt das zweite Jahrsiebt. Es ist die Geburt des ätherleibes.

In den folgenden sieben Jahren hat das Kind das Bedürfnis der innerlichen Anlehnung, es will volles Vertrauen schenken. Es braucht die Autorität des Erziehers, um von ihm zu lernen. Bekommt ein Kind nicht das notwendige Vertrauen , die Anlehnung und soll allzu früh eigene Entscheidungen treffen wird auch das Mangelerscheinungen zur Folge haben. Im späteren Leben wird es oft unsicher, misstrauisch und unproduktiv sein, und sonderbaren Ersatzautoritäten, wie Popstars, hinterherlaufen. Das dritte Jahrsiebt beginnt mit der Geburt des Astralleibes in der Pubertät. In dieser Zeit fühlt sich der Jugendliche ständig hin und her gerissen, und muss durch sein Gelerntes eigene Entscheidungen und Urteile treffen. Er beginnt tiefergehende Interessen auszubilden. Die Geburt des Ich-Leibes ist der Eintritt in das vierte Jahrsiebt. Nach Steiner wird ein Mensch erst jetzt als erwachsen bezeichnet.

Ganzheitliches Begreifen

Wenn Steiner vom ganzheitlichen Begreifen spricht, meint er die Kunst, Wissenschaft und Religion wieder zu einer höheren Einheit zu führen. Er will diese drei Dinge gemeinsam lehren, und man soll sie gemeinsam, in einer Einheit, begreifen. Anders ausgedrückt, Erfahrungen über den Körper, das Gefühl und den Kopf vermitteln. Ein Kind nimmt einen Gegenstand mit seinen Händen (Körper) auf. Durch den Tastsinn in den Händen fühlt das Kind zunächst den Gegenstand, ob es glatt, rau, schwer ist (Gefühl). Erst im letzten Schritt macht das Kind vom Gegenstand ein Bild in seinem Kopf, und wird es später als dieses wiedererkennen (Kopf). In der Schule wird zum Beispiel die Geometrie im Feldmessen praktisch angewandt oder Sprachen im Theaterspielen erlernt. Im Kindergarten klatschen oder malen die Kinder ein Gedicht. Neben diesem ganzheitlichen Begreifen durch die Einheit von Wissenschaft und Kunst, geht es auch um die Verbindung mit der Religion. Bei der Waldorfpädagogik soll das Kind, lernen, zu leben - im Einklang mit sich und dem Kosmos.

Sinnesschulung

Die Sinne eines Menschen sind sehr bedeutsam für die Wahrnehmung seiner Umwelt. Man bedenke was es bedeutet, wenn man sein Augenlicht verliert. Steiner bezeichnet das Kind im ersten Jahrsiebt als ein ,,aufsaugendes, nachahmendes Sinneswesen" . Es kann über die Wahrnehmungen noch nicht reflektieren, das heißt es kann noch nicht ausreichend darüber nachdenken und abwägen. Alles Wahrgenommene wird als wahr, gut und schön aufgenommen. Rudolf Steiner unterscheidet zwölf Sinne, die er in äußere, äußerlich-innerliche und innere Sinne unterteilt. Der Ich-Sinn, Gedankensinn, Wortsinn und Gehörsinn sind äußere Sinne und werden dem Denken zugeordnet. Der Wärmesinn, Sehsinn, Geschmacksinn und Geruchsinn werden dem Fühlen zugeteilt und sind äußerlich-innerliche Sinne. Als innere Sinne werden Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn, Lebenssinn und Tastsinn bezeichnet. Sie werden dem Wollen zugeordnet. Das Ziel der Waldorfpädagogik ist es nun, alle Sinne eine Kindes anzusprechen, also eine ganzheitliche Pädagogik herzustellen. Wo man nun wieder den Bezug zum vorhergehenden Abschnitt ,,Ganzheitliches Begreifen" hat. Die ganzheitliche Sinnesschulung sollte in allen Bereich des Lebens erfolgen.

Es sollte nicht Vormittags der Gedankensinn und Wortsinn in der Schule und Nachmittags der Gleichgewichtsinn und Bewegungssinn beim Turnen im Verein geschult werden. Es sollen ständig verschiedene Sinne angesprochen werden. Steiner hat verschiedene Empfehlungen für das Spielzeug unterschiedlicher Altersklassen gemacht. Allgemein sagt er, dass zu viel Spielzeug eine Reizüberflutung für das Kind darstellt und es zur Abstumpfung der Sinne kommen kann. Ein Spielzeug sollte so ursprünglich, wie möglich sein. Das kleine Kind braucht nur seine Gliedmaßen, den Schleier seiner Wiege und den Ton der mütterlichen Stimme, und sonst gar kein Spielzeug. Das Spielzeug des Kleinkindes sollte geometrische Formen und Grundfarben haben, und aus natürlichen Materialien, wie Holz und Wolle, bestehen. Sie ermöglichen dem Kind Spielraum für Phantasie. Beim Kindergartenkind ist das Spielen in der Gruppe wichtig, und Spielsachen können schon ausgeformter sein. Jedoch sollte die Technik der Erwachsenen den Kindern noch erspart bleiben, und an Grundgesten und -tätigkeiten der Menschen, wie waschen mit einem Waschzuber und backen mit einem Löffel, die Sinne geschult werden. Es ist auch sehr wichtig, dass nur Wahrnehmungen die Kinder erreichen, die man auch nachprüfen kann. Was wie eine Blume aussieht, sollte sich auch so anfühlen und eine Blume sein, und nicht aus Plastik oder aus dem Fernsehen. In der Schule sollten die Sinne in allen Bereichen auf anspruchsvolle Weise angeregt werden. Vor allem die Sinne, die dem Denken zugeordnet sind, spielen dabei eine größere Rolle.

Selbsterziehung des Erziehers

Für den Unterricht ist es sehr wichtig, dass sich der Lehrer zuvor Gedanken über sich selbst macht. In den ersten beiden Jahrsiebten hat der Erzieher eine große Verantwortung, denn es ist die Zeit, wo die Kinder nachahmen und von ihm lernen wollen. Es ist deswegen von großer Bedeutung, dass der Erzieher lernt, sein Temperament zu erkennen und zu beherrschen. Rudolf Steiner hat dafür konkrete meditative und erkenntnistheoretische übungen für den Erzieher entwickelt. Im dritten Jahrsiebt, wenn die Jugendlichen seine Handlungen und Worte in Frage stellen und eigene Ideen hervorbringen, wird die Selbsterziehung auf eine Probe gestellt. Wenn er zuvor durch die Arbeit an sich selbst auf einer überpersönlichen Ebene ,,ein geistiges Band zu seinen Schülern knüpfen konnte", ist er nun im Stande sich persönlich auf seine Schüler einzulassen. Das ist deshalb so wichtig, da die Schüler vom Lehrer die Selbsterziehung lernen wollen und müssen, um später selbständig und selbstbestimmt leben zu können.